WIRTSCHAFTS-BILDUNG

„Wie sollen junge Menschen wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen, wenn ihnen dafür die nötige Bildungsbasis fehlt?“

Aufschwung Austria lud am 20. April 2022 zum Reality Check und zur Podiumsdiskussion in die Labstelle in der Wiener Wollzeile.

WIRTSCHAFTS-BILDUNG

„Wie sollen junge Menschen wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen, wenn ihnen dafür die nötige Bildungsbasis fehlt?“

Aufschwung Austria lud am 20. April 2022 zum Reality Check und zur Podiumsdiskussion in die Labstelle in der Wiener Wollzeile.

Chancen, Freiheit, Selbstständigkeit: Weshalb es einen größeren Fokus auf Wirtschaftsbildung braucht

Österreichs wirtschaftlicher Wohlstand beruht weniger auf Bodenschätzen als auf dem Humankapital. Diese Ressource gilt es vor Versäumnissen der Bildungspolitik zu schützen. Lehrinhalte an Österreichs Schulen gehen zu oft an den Anforderungen der Gesellschaft vorbei. Dabei ist eine solide Grundbildung in Wirtschaft und Finanzen ein lebenswichtiger Unterbau für innovatives wirtschaftliches Handeln. Sie beflügelt nicht nur unternehmerisches Denken, sondern baut auch Chancenungleichheiten ab.

Die Welt rückt immer näher zusammen. Wir sind vernetzter denn je und überall auf dem Globus blühen Ideen, die den Unternehmergeist der Menschen, als Motor von Innovation und menschlicher Entwicklung, beflügeln. Österreich ist Teil dieser Welt. Doch ein starres Bildungssystem bringt den Motor der Innovation bei uns zum Stottern. Denn um Unternehmergeist beflügeln zu können, braucht es auch das richtige Rüstzeug. Zu oft werden wichtige Kompetenzen wie Finanz- und Wirtschaftsbildung an Österreichs Schulen vernachlässigt. Dabei hätte eine Wirtschaftsbildungsoffensive unzählige positive Effekte auf Jugendliche und auf den gesamten Standort Österreich.

Dazu gehören fundierte Wirtschafts- und Finanzkompetenzen, denn diese helfen besonders finanzielles Wohlergehen abzusichern, wirtschaftliche Entscheidungen selbstbestimmt zu fällen, eigene Ziele zu verwirklichen, sich selbständig zu machen oder gut mit wirtschaftlichen Risiken umzugehen. Das ist besonders für junge Menschen wichtig, die gerade beginnen auf eigenen finanziellen Beinen zu stehen. Doch obwohl Österreich ein wirtschaftlich wohlhabendes und international vernetztes Land ist, haben Österreicher_innen teilweise erhebliche Wissensdefizite im Finanz- und Wirtschaftsbereich.

Bei genauerer Betrachtung verschiedener Studien über die Wirtschafts- und Finanzbildung der Österreicher_innen zeigt sich teilweise ein alarmierendes Bild. So besagt eine Studie der Wiener Börse von 2017, dass nur 8% der Österreicher_innen sich ausreichend mit Wirtschaft- und Finanzwissen ausgestattet fühlen. Weiters stellte die OECD fest, dass teils nur die Hälfte der Erwachsenen ganz grundsätzliche Fragen beantworten können, etwa zum Zinseszins oder zur Risikodiversifikation.

Jugendliche weisen derzeit sogar noch größere Defizite auf. Laut einer Erhebung von Bettina Fuhrmann und Herwig Rumpold unter 14-jährigen Schüler_innen gibt es teilweise enorme Wissenslücken bei Fragen zu Wirtschaft und Finanzen. So habe sogar bei Grundsätzlichem, etwa wie in einer Marktwirtschaft die Preise bestimmt werden, jede_r Dritte keine richtige Antwort geben können. Zudem war es für einige schwer einen Kontoauszug im Detail zu entziffern, bzw. verstand ein Großteil das Konzept hinter dem Wirtschaftswachstum nicht.

Weiters scorten Jugendliche beim Austrian Survey of Financial Literacy aus dem Jahr 2019 von allen Generationen am niedrigsten (siehe Grafik). Wenn es um ihre Finanzen geht, seien sie nicht gut organisiert, und sie agieren risikofreudiger und weniger vorausschauend als andere Generationen, so die Autoren. Das hat zur Folge, dass Jugendliche einem erhöhten Risiko zur Überschuldung ausgesetzt sind. Leider belegen das auch die Zahlen. Ein Viertel der Klient_innen von Schuldenberatungsstellen sind Jugendliche unter 30 Jahren.

Finanzwissen GrafikDie fehlenden Kenntnisse der Österreicher_innen tragen auch dazu bei, dass vorzugsweise das Geld bei Banken auf Sparbüchern von der Inflation aufgezehrt, und nicht am Kapitalmarkt veranlagt wird. Wertpapiere wie Aktien sind als Investitionsvehikel bei privaten Anleger_innen vergleichsweise unterrepräsentiert. Auch bei Risikokapital, einer wichtigen Finanzierungsquelle für junge, schnell wachsende Unternehmen, hat Österreich ein enormes Aufholpotential im internationalen Vergleich – dabei wären, neben einer breiteren Diversifizierung des eigenen Kapitals, auch der Standort Österreich

gestärkt.

Bundesregierungen waren sich der niedrigen Wirtschafts- und Finanzbildung und der Gefahren zwar immer wieder bewusst, haben bisher allerdings nur mit Lippenbekenntnissen reagiert. So hat das Finanzministerium einen „Aktionsplan 2026“ erst letztes Jahr auf den Weg gebracht. Gemeinsam mit EU und OECD hat man Rahmenbedingungen festgelegt, die es bis 2026 zu erfüllen gilt. Doch wer hier nach gezielten Maßnahmen insbesondere in den Lehrplänen der Schulen sucht, der wird leider enttäuscht. Zwar betont man den Willen zur Überarbeitung von Schulbüchern – was angesichts der teils antikapitalistischen Kapitel zu Finanzmärkten oder Globalisierung auch dringend nötig ist, aber Konkretes zu dem zukünftigen fachübergreifenden Fokus auf Finanzbildung sucht man vergeblich. Der Wirtschaftskunde bleibt entgegen der Expert_innen Empfehlungen laut Lehrplanreform sogar ihr Status als „Anhängsel“ von Geografie erhalten …

Die Vorteile von mehr Wirtschaftsbildung sind weitreichend. Oder wie Bettina Fuhrmann als Kämpferin für mehr Finanz- und Wirtschaftsbildung schreibt: „Eine umfassende Wirtschaftsbildung ist der beste Konsumenten- und Anlegerschutz, aber auch die beste Vorbereitung für ein späteres Leben als selbstständig oder unselbstständig erwerbstätige Person, als wahlberechtigte Person, als selbstbestimmte mündige Person, die reflektierte Entscheidungen trifft.“ Damit profitieren nicht nur Jugendliche selbst, sondern die ganze Gesellschaft und der Standort Österreich. Finanz- und Wirtschaftsbildung kann also der Schlüssel zu so viel mehr sein als man anfangs glauben mag. Sie trägt dazu bei, die Talente und Fähigkeiten ganzer Generationen und den Standort Österreich zu beflügeln und blühen zu lassen.

Von: Johannes Stolitzka

Literaturempfehlungen:

https://www.wienerborse.at/uploads/u/cms/files/ueber-uns/public-affairs/financial-literacy.pdf

https://www.juliusraabstiftung.at/wp-content/uploads/2020/04/JRS_WFK-f%C3%BCr-ein-selbstbestimmtes-Leben_Wir-sind-daf%C3%BCr.pdf

https://www.bwpat.de/wipaed-at1/rumpold_wipaed-at_2018.pdf

https://www.bmf.gv.at/public/top-themen/financial-literacy.html#:~:text=Im%20Herbst%202021%20wurde%20die,im%20Bereich%20Finanzbildung%20zu%20st%C3%A4rken.

https://lab.neos.eu/blog/Warum-es-ein-Fach-Wirtschaft-braucht

https://www.oecd.org/daf/fin/financial-education/Financial-literacy-in-austria-relevance-evidence-provision.pdf

https://www.oenb.at/Geldpolitik/Erhebungen/OeNB-Euro-Survey/financial-literacy.html